1. Über diese Studie 
2. Das verkannte Genie
3. Physiologie
4. Geschichte
5. Duft und Identität
6. Perspektiven des Duftdesigns
7. Raumbeduftung: Konsumrausch im parfümierten Paradies?
8. Geruchswelt Mensch
9. Beduftete Objekte

10. Interviews
11. Fazit
12. Quellen

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Impressum
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Interviews (Stand: 1999)
Wolfgang Stimmel
Stimmel Duftmarketing, Reichling, 11.3.99
Diotima von Kempski
Aromatoligin, Düsseldorf, 6.3.99
Prof. Gerd Kobal
Universität Erlangen, 2.4.99
Die Gespräche wurden per Telefon geführt.
Hat sich die Wahrnehmung von Duft geändert?
[Stimmel] Ja. Es gab früher ein völlig anderes Duftverständnis als heute. Ein Beispiel: Baldrian, ein Mittel, welches heute zur Beruhigung eingesetzt wird, wurde vor langer Zeit als Parfüm verwendet. Denkt man an Heinrich IV, der zu seiner Gefährtin sagte: »Wasch Dich nicht, ich komm in drei Tagen«, wäre dieser Spruch heute undenkbar.
(In einem Artikel des Sterns Nr. 18/96 wird gleichermassen zitiert: »Ne te lave pas, je reviens« sagt da Napoleon zu seiner Geliebten Josephine. Ein Hinweis auf die menschliche Fähigkeit, duftverschlüsselte Botschaften der Pheromone per Nase zu erkennen)
Der Mensch lernt Duftmerkmale vom Embryonalstadium bis zum Tod. Dufterwartungen werden mit einem von Generation zu Generation ändernden Lebensstil verknüpft, und mit ihm ändert sich auch die Einstellung dem Duft. Wir leben heute in einer viel hektischeren Welt mit Wechselbädern zwischen Streß und Ruhe, die in der Hormon- und Enzymzusammenwirkung für Levelveränderungen sorgen. Duftstoffe werden bei Streß anders aufgenommen als im entspannten Zustand.
[Kempski] Ja. Die Wahrnehmung hat sich laufend geändert. Kohle beispielsweise mag für die meisten einen unangenehmen Geruch haben, Großeltern verbinden aber eine positive Erinnerung damit. Das kommt daher, daß nach dem Zweiten Weltkrieg Kohle als ein sehr wertvoller Wärmespender gehandelt wurde.
[Kobal] Vor zwanzig Jahren war Duftforschung Niemandsland. Geruch war nicht gesellschaftsfähig. Heute herrscht reges Interesse an der Dufterforschung. Diese Neugier erschließt sich vermutlich aus dem Para, dem Ungewöhnlichen, dem Wunder und dem Scharmanentum, das man der Geruchwelt nachsagt. Aromatherapien sind momentan en vogue, man glaubt durch Duftexperimente die Geheimnisse der Menschheit lösen zu können.
Halten Sie das derzeitige Interesse an Duft für einen Trend?
[Stimmel] Ja. Aber was bestimmt einen Trend? Soziologische Gesichtspunkte spielen hier eine Rolle, die Sucht nach Harmonie; Da mutiert das Einkaufsverhalten zum Erlebniskauf, denn Erlebnis steht für Sich-Wohlfühlen. In dem Hin und Her von Streß und Ruhe gewinnt die Wohlfühlatmosphäre an Bedeutung.
[Kempski] Die Einstellung zum Duft dreht sich im Kreis. Einmal galt die Nase als Heilorgan, dem Aspirin wurde das Riechfläschchen vorgezogen, ein anderes Mal fürchtete man mit jedem Duftstoff eine Krankheit zu riechen. Der Mensch hat schon immer mit der Nase gelebt
Wird das menschliche Riechorgan sensibler für Gerüche oder stumpft es ab?
[Stimmel] Es ist anzunehmen, daß in der Masse die Nase sich desensibilisieren, sich degenerieren wird (z.B. Verlernen von Natürlichem, Vergleich: Convenience Food im Geschmacksbereich). Aber in Einzelbereichen hypersensibilisiert sich der Geruchsinn womöglich. Das Kopfzerbrechen über einen möglichen menschlichen Gau liegt nah, so wie wir uns von der Natürlichkeit hinwegbewegen. Interessant wird der Gedanke an den virtuellen Raum, in dem jeder Sinn getäuscht werden kann außer dem Geruchsinn bisher. Die Frage, ob sich unser Riechvermögen der virtuellen, gerucharmen Welt eher anpassen wird als umgekehrt, kann man nicht ohne weiteres beantworten. Allein für Rosenduft bedarf es an 750 Einzelbestandteilen, das künstliche Substitut besteht aus synthetischen 40 Bausteinen. Der Gasspektrometer kann zwar feststellen, aus wievielen Elementen der natürliche Duft besteht, aber erkennen kann er nur sehr wenige. Dies bedeutet, daß es uns kaum gelingen wird, den Rosenduft in Kürze so zu reproduzieren, daß er seinem Original gleicht. Wie können die synthetischen Retortendüfte natürliche Aromen ersetzen? Mischt man natürliche Düfte zusammen, ergibt das ein harmonisches Duftbild, bei der Addition von künstlichen dagegen ein Geruchchaos.
[Kempski] Der Geruchsinn wird »mutieren«, er wird allerdings nicht unsensibler werden, sondern eher neue Gerüche adaptieren.
Gibt es Nachforschungen bzw. wissenschaftliche Beweise für das Funktionieren von Duftbotschaften? Können Sie Untersuchungen zum Verhalten des Konsumenten bei Gerüchen nennen?
[Stimmel] Vor nicht allzu langer Zeit wurde eine Schweizer Studie durchgeführt zum Thema Konsumentenverhalten und Raumbeduftung in Kaufhäusern. Die Studie ergab, daß die neue olfaktorische Umgebung das Wohlbefinden optimiert hatte. Aber noch interessanter war das Ergebnis über das Wohlgefühl der Verbraucher nachdem die Raumbeduftung wieder abgesetzt worden war. Man fand nämlich heraus, daß der Umsatz noch unter den Wert vor der Raumbeduftung fiel, weil viele Kunden, nachdem sie das Kaufhaus im olfaktorisch einwandfreien Zustand kennengelernt hatten, nun um so mehr vom »alten« Dufteindruck enttäuscht waren.
Eigentlich blockiert uns unser lineares Denken. Was das Riechvermögen anbelangt wissen, bzw. ahnen wir sehr viel, beweisen können wir allerdings nur die Spitze vom Eisberg. Ein Vergleich ist mit Homer zu ziehen, der behauptete, daß Küken durch die Schale mit den Hühnern kommunizieren können. Bewiesen konnte diese Vermutung Homers erst vor einigen Jahren. Ein weiteres Beispiel ist Feng Shui. Die Art, wie wir Gegenstände in unseren Räumen aufstellen, anordnen, wo Fenster und Türen sich befinden, haben einen Einfluß auf unser Wohlbefinden. Belegt sind die Feng Shui-Techniken nicht, aber daß sie eine Auswirkung auf unsere Empfindung haben, scheint jeder für sich selbst zu bestätigen. Düfte hinterlassen in uns Erinnerungsspuren und lösen Körperreaktionen aus, denn wie sonst könnten wir uns erklären, daß der Duft einer Zitrone bei uns Speichelfluß auslöst?
Reagiert die Wirtschaft und die Wissenschaft auf die Popularität des Dufts? Entwickelt der Markt eventuell Innovationen?
[Stimmel] Duftmarketing steht und fällt mit der Qualität der Duftprodukte. Der Markt erkennt den Trend, und zieht mit (»Da tut sich was, das müssen wir auch machen«). Und schneller als man denkt ist der Markt überflutet mit Duftprodukten. Verbraucherschutzinitiativen treten in Aktion, ähnlich wie es in den USA schon geschah. Das Optimum, das duftneutrale Produkt, wird von vielen Firmen ungern produziert, denn die Neutralisation ist in vielen Gebieten nach wie vor ein Tabu-Thema. Welcher Verbraucher läßt sich schon gerne ins Gesicht sagen, daß man gerade den neuen, duften Turnschuh gegen Fußschweiß entwickelt hat? Solche fixen Ideen sind zwar ein Blickfang im Fernsehen als »letzter Schrei«, aber einen Absatz finden sie kaum. Man kann fast behaupten, daß selbst unbeliebte Gerüche wie Mundgeruch zu unseren »geliebten« Gewohnheiten zählen. Doch tut sich die Wirtschaft mit der Neutralisation von unangenehmen Odeurs schwer, obwohl sie oft von Vorteil wäre. Als Beispiel kann man Hautcreme nehmen, die eine unerfreulich riechende Fischölsubstanz enthält, die wesentliche Funktionen übernimmt. Zur Neutralisation wurden sog. Käfigmoleküle entwickelt, die das Ölmolekül (und seinen Duft) umkapseln, aber die Funktion nicht stören. Selbstverständlich reagiert die Wirtschaft auf neue Verbrauchergruppierungen, auch schon aus Gründen der Verdrängungspolitik im Markt.
[Kempski] Natürlich reagiert die Industrie auf Duftdesign. In Zukunft wird ziemlich viel passieren. Es passiert jetzt schon sehr viel: Duftkinos, Duftmuseen
[Kobal] Die Wirtschaft setzt sich schon lange mit Duft auseinander. Oftmals forscht die Industrie selbst, gibt die Ergebnisse aber nicht preis. Philipp Morris hat z.B. vor 20 Jahren den »Duft des Tabaks« komponiert und hält das Rezept geheim. BMW forscht, Pharmahersteller untersuchen Duftstoffwirkung, sogar das Militär beteiligt sich an der Duftentwicklung. Aber die Analysen liegen in den Schubläden versteckt.
Kennen Sie sinnvolle Möglichkeiten zur Verwendung von Duftbotschaften bei Objekten? Worin sehen Sie die Gefahr einer »Dufttarnung«?
[Stimmel] Verträgt z.B. ein Kunststoff überhaupt einen natürlichen Duft? Ich glaube nicht. Man adaptiert einen natürlichen Duft dann, wenn er von einem natürlichen Objekt herrührt. Würde man bei einem Gegenstand das eingesetzte Material Kunststoff gegen Glas austauschen, wäre die Akzeptanz ungleich höher.
[Kempski] Man darf nicht vergessen, daß Duft Eigenschaften hat und Informationen überträgt. Im Essensbereich ist dieser Umstand sehr heikel. Duft kann nicht nur gut tun, Duft kann auch schaden. Die Industrie handelt in diesem Punkt viel zu unbedacht: Sobald ein Kapitalplus vorhanden ist, ist alles andere egal. Es gibt beispielsweise das Gerücht der »Schwedenhäuschen«, die sehr instabil gebaut sind. Beim Vorführen wurde in den Häusern Backduft versprüht, damit der potentielle Käufer sich schon beim Eintreten ins Haus heimisch fühlt.«
Ändert sich die Duftwelt?
[Stimmel] Ja. Produkte werden der Entwicklung ständig neu angepaßt. Die Sensorik hat sich in allen Bereichen geändert. Bier wurde seit den 50er Jahren bitterer, andere Dinge dafür süßer; Die Industrie versteht es mehr und mehr Abhängigkeiten durch Süßstoffe und Salze zu schaffen. Und mit der Veränderung der Inhaltsstoffe verändert sich natürlich auch die Olfaktorik.
[Kempski] Ja. Die Menschen leben und assoziieren anders, in den 70ern favorisierte man orientalische Düfte, heute sind es eher die grünen, leichten Gerüche. Auch durch den Einzug der chemischen Riechstoffe hat sich die Duftwelt verändert.
Welche Vor- und Nachteile gehen mit dem Wandel unserer olfaktorischen Umwelt einher?
[Stimmel] Bewußtsein und Qualitätsanspruch meiner Meinung nach müssten Geschäfte zukünftig einen Aufkleber an der Fensterscheibe anbringen mit der Aufschrift »Das Geschäft ist beduftet«. Der Verbraucher muß aufgeklärt werden, hier besteht großer Informationsbedarf.
Gibt es duftneutrale Materialien?
[Stimmel] Nein. Jeder Stoff duftet, jedes Material hat seinen eigenen Geruch. Viele Menschen glauben, daß Metall beispielsweise duftneutral wäre. Physikalische und chemische Reaktionen sind die Ursache dafür, daß auch solche Materialien riechen, Metall reagiert mit Sauerstoff. Hält man ein Stück Metall einen längeren Zeitraum in der Hand bemerkt man das. Gold z.B. riecht anders als Silber. Die Besteckindustrie forscht in diesem Zusammenhang sehr viel, sucht nach neuen Legierungen, die den Verbraucher olfaktorisch anregen, beim Kauf zu ihrer Marke zu greifen.
[Kobal] Es gibt Materialien, von denen man sagen kann, daß sie beinahe geruchsneutral sind. Reines Wasser zum Beispiel, Glas oder Teflon, Edelstahl. Deshalb werden in der Forschung bevorzugt solche Stoffe für Reagenzgläser oder Olfaktometer eingesetzt, da die Forschungsergebnisse möglichst unbeeinflußt bleiben sollen. ( -> In vielen Küchen findet man daher auch Edelstahltöpfe etc.)
Gibt es Produkte, deren Duftreize unterhalb der Wahrnehmungsgrenze liegen?
[Stimmel] Es ist unbestreitbar, daß die Industrie solche Mittel auch einsetzt, sobald sie einigermassen bewiesen sind. Denn ihr Ziel ist es ja, den Verbraucher auch da hinzuführen, wo er zuvor vielleicht noch nicht hinwollte. Betrachtet man es genau, wird heute alles manipuliert. Wir manipulierten vor Jahrtausenden die Stimmung der Götter durch Beweihräucherung und manipulieren uns heute selbst mit Hilfe von Parfüm. Der Einsatz von Pheromonen allerdings sollte bedacht sein. Unterschwellig mögen sie positiv wirken, aber eine Überkonzentration führt schnell zur bewußten Wahrnehmung und zur Ablehnung. Und wann dieser Effekt kippt, ist bei jedem individuell. Wo ist die Grenze der Manipulation von positiv zu negativ?
Skandale verweisen darauf, daß in der Wirtschaft der Einsatz von unterschwelligen Aromen gang und gäbe ist. Da wird von McDonalds gesprochen, die angeblich ihr Fast Food mit abhängig machenden Aromen versetzen und vom Hautcremehersteller No. 1, der sein »blaues« Produkt anscheinend mit süchtig machenden Lockstoffen verfeinert. Duft ist ein Informationsträger, eine Corporate Identity, aber übertragene Informationen können uns nur dann nicht manipulieren, wenn wir uns des Geruchs bewußt sind.
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Prof. Gerd Kobal
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