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STUDIE / BLOG


Eine zusammenfassender Rückblick und utopische Aussichten

Symphatie und Antipathie

»Das Parfüm kann bestimmte Dinge im Unbewußten wachrufen. Das Interessante an uns ist, was wir nicht wissen.Das macht den Reichtum des Menschen aus.«
Serge Lutens, Créateur

Für Duftdesigner ist das Optimum erreicht, wenn der Verbraucher durch den Duft eine sympathischere Einstellung zum Objekt, zum Raum oder zu einem anderen Mensch gewinnt. »Letztlich haben wir als Menschen immer noch die Möglichkeit, uns bewußt gegen irgendetwas zu entscheiden. Aber vieles machen wir einfach nur so. Denken, wir haben es bewußt entschieden, aber haben es vielleicht doch nicht so bewußt entschieden, wie wir annehmen...« Gerd Kobal, Riechforscher, Erlangen.


Modifikationen

Sprachwendungen wie »aus dem Bauch heraus« oder »intuitives Verhalten« und »immer der Nase nach« zeigen, daß der Mensch sein Verhalten durch Sinneseindrücke beeinflussen und lenken lässt. Schnelle, instinktive Reaktionen auf Veränderungen waren und sind für Tier und Mensch lebensnotwendig. Reflexe und Körpersignale wie Schweiss und das Rotwerden, das Hochreissen der Arme und die Flucht bei Angst sind Folgen der Kommunikation zwischen der Umwelt und den Sinnen: bedrohliche Geräusche, ungewohnte Gerüche, schnelle Bewegungen oder z.B. zunehmende Wärme werden von den Sinnen als eine potentielle Gefahr erkannt. Allerdings nur, wenn diese Signale sich auffallend von der Umwelt unterscheiden. Denn marginale Modifikationen bemerkt der Mensch kaum.


10-100 Nervenzellen

Bereits ein Duftmolekül löst, physiologisch betrachtet, Strom an der Riechzelle aus und ein Reiz wird weitergeleitet. Aber erst durch die gleichzeitige Erregung von 10 bis 100 Nervenzellen wird der Geruch als solcher wahrgenommen, doch noch lange nicht identifiziert. In diesem Bereich ist dem Menschen die Duftwahrnehmung nicht bewusst, aber sie beeinflusst bereits seine Entscheidungen. Werden über 100 Zellen erregt, kann der Geruch erkannt werden.


Emotionen steuern Entscheidungen

Durch die unmittelbare Verbindung des Riechorgans mit dem Limbischen System nehmen Gerüche direkten Einfluss auf das emotionale Wohlbefinden. Die Urteilskraft ist vom Limbischen System abhängig. Dies beweisen klinische Untersuchungen an Personen, deren limbisches System (der emotionale Entscheidungsträger) durch ein Unfall verletzt wurde, woraufhin die Urteilskraft der Person vom emotionalen Instinkt abgeschnitten war. Prof. Rosalind Picard vom MIT in Massachusetts ist überzeugt, daß Emotionen kein Überbleibsel der Evolution oder gar Luxus sind, unnötig für intelligentes Verhalten. Im Gegenteil: Emotionen spielen nach wie vor eine wichtige Rolle bei Erkenntnisprozessen. »Die Forschung hat erkannt, daß Menschen, die durch einen Hirnschaden nicht mehr richtig fühlen können, unfähig wurden, rational zu entscheiden« (Magazin konr@d, März 99).


Der olfaktorische Lappen

Der olfaktorische Lappen ist die evolutionäre Wurzel der Gefühle: Ehemals wichtig zum Überleben ist er nun Auslöser für unbeeinflußbare Verhaltensweisen des Menschen. Da der Kortex und der Neokortex, die beiden wichtigen Bausteine des bewußten Denkens, aus dem Riechlappen entsprungen sind, ist schon allein aus physiologischer Sicht eine starke Verbindung zwischen emotionalem und entscheidenden, denkendem Bereichen des Hirnes gegeben.


Geruchsinn > Emotionen > Entscheidung

Wie der Neurophysiologe Joseph LeDoux in »Sensory Systems and Emotion« 1986 bemerkte, bewahrt der Mandelkern, der mit dem limbischen System und dem olfaktorischen Lappen verbunden ist, Erinnerungen und Eindrücke: »Ohne irgendeine bewußte, kognitive Beteiligung können emotionale Reaktionen und emotionale Erinnerungen entstehen, weil das emotionale System anatomisch unabhängig vom Neokortex agieren kann. Es kommt zwar vor, daß emotionale Erinnerungen ins Bewußtsein gelangen, doch viele führen zu Handlungen, ohne daß wir uns ihrer bewußt erinnerten.« Viele Empfindungen entwickeln sich unterbewußt (was bereits Freud festgestellt hat) und sind Basis für das Entstehen von Vorlieben für Dinge, die man eventuell nicht mal gesehen hat. Starke Impulse befördern emotionale Erinnerungen und Eindrücke ins Bewußtsein, was logische, kontrollierte Verhaltensweisen ermöglicht. Fazit: Der Geruchsinn nimmt Einfluß auf Emotionen, die Emotionen steuern in der bewußten und unbewußten Ebene Entscheidungen und Handlungen.


Stereotype Reaktionen auf Duftreize, »Duftreflexe«

Tiere besitzen einen sogenannten »Duftreflex«. Hunde z.B. orientieren sich mit ihrem Vomeronasalorgan. Säue verfallen gar in eine »Duftstarre«, bleiben regungslos stehen, sobald sie das Pheremon Androsthenon wahrgenommen haben. Ob auch der Mensch mit Stereotypen auf Duftreize reagiert, ist bisher nicht bekannt, aber nicht abwegig. Zumindest Herzschlagveränderungen von 59 auf 60,7 Schläge pro Minute konnten als physische Reaktion beim Menschen gemessen werden, wenn dieser im Schlaf, also in einem bewusstlosen Zustand, mit Duftstoffen konfrontiert wurde. Der Mensch nimmt demnach Gerüche im Schlaf wahr.


Der Frankfurter Flughafen

Viele Firmen nutzen den Umstand, daß Gerüche Wohlbehagen oder Unbehagen auslösen können. Duftmarketingfirmen setzen das Beeinflußungspotential mehr oder weniger gezielt für ihre Zwecke ein. Erhebliche Probleme hatte zum Beispiel der Frankfurter Flughafen mit einem ein Kilometer langen Tunnel zwischen seinen Terminals. Um den Gästen die Angst zu nehmen diesen Tunnel zu durchqueren, setzten die Flughafenbetreiber zunächst auf Farbgestaltung. Doch der Erfolg blieb aus, daher betraute man Duftdesigner mit der Aufgabe, den Tunnel zu beduften. Die Tunnelbeduftung erwies sich als Lösung des Problems: Die Gäste fühlten sich beim Durchqueren wohler als zuvor.


Düfte, am Reissbrett konzipiert

Duftstoffe, wie sie in fast allen Nahrungsmitteln im Handel vorkommen, verändern die Erwartungen des Menschen an die Geruchwelt. Der Hobbykoch mag von der natürlichen Vanilleschote enttäuscht sein, ist er doch mit Vanillin groß geworden und stellt an natürliche wie an naturidentische Duftstoffe diesselben Ansprüche. Francis Bacon erbaute in »Nova Atlantis« ein Duft-Schlaraffenland mit Hilfe der Produktion künstlicher Düfte - heute versucht man seine Idee umzusetzen. In Duftlaboratorien werden Geruchwelten der Zukunft erzeugt und zukünftige Erwartungen der Verbraucher auf dem Reissbrett konzipiert. Dem Menschen begegnen morgen allerorts irreale Düfte, deren Herkunft eventuell nicht mehr existent ist (bspw. von einem ausgestorbenen Tier).


Verpackungen, die nach ihren Inhalten riechen?

In der Nahrungsmittelindustrie erweitern die im Labor erschaffenen Duftkompositionen in Kombination mit der Nahrungsumgebung (Point of Sale, Verpackung) die Schlüsselreize, die den Konsumenten zum Kauf der Produkte anregen. Leckere Gerüche von der Wursttheke und dem Käsestand locken den Kunden zum Verkäufer, der mäßige innere Antrieb zum Kauf wird durch den Duft verstärkt. Warum also nicht ebenso die sterilen, duftneutralisierten Verpackungen und Umgebungen mit einer olfaktorischen Aura versehen? Tiefkühlkost-Verpackungen, die mit Bildern dampfender Omelettes werben, könnten verführerisch nach Omelettes riechen, Verpackungen von Bananensaft nach Bananen und von frischen Steaks nach genuesslichem Grillduft.


Ein Leben mit den Düften der Industrie

Auch die Adaption kann den Verkauf fördern. Hierzu muss der größte gemeinsame »Duftnenner« gefunden werden: ein Geruch, der mehrheitlich als angenehm empfunden wird. Diese Anforderung erfüllen Gerüche aus der Kindheit, so z.B. der Duft der Niveacreme oder der Babynahrung. Werden Kindernasen an bestimmte Duftstoffe gewöhnt, kann der Markt von der Kindheit des Konsumenten bis in sein Erwachsenenalter Nutzen ziehen. Warum sollten die Hersteller nicht in geringfügigen Dosen den adaptierten Geschmack der Kindernahrung in Fertigmenüs der Erwachsenen übernehmen? Oder die »Tagescreme ab 40« ähnlich duften lassen wie Baby-Hygienemittel? Die erwachsen gewordenen Konsumenten würden, vielleicht nicht einmal bewusst, den Geruch wiedererkennen und positiv bewerten.


Alles lecker, überall

Die Nachbarin parfümiert sich mit dem Duft von Orchideen aus dem Urwald, die Baumrinde im Fruchtsaft schmeckt nach Fruchtfleisch frisch gepflückter Orangen und der soeben erstandene Plastik-Anorak sieht nicht nur so aus wie aus Leder gemacht, er riecht auch danach. Die Zukunft wäre rosig: Selbst wenn der Mensch nach einem 24 Stunden-Tag zunehmend transpirieren würde, rieche seine Kleidung frisch nach Moschus oder Zitrone, denn kleine, in dem feinen Kunststoff-Gewebe eingebettete Kapseln würden unentwegt ein Deodorant freisetzen. Einer der unangenehmsten Körpergerüche, der Mundgeruch, könnte in Vergessenheit geraten, wären solche Geruchkapseln im Kunststoff der Zahnfüllungen enthalten. Der Fußgestank fände ein Ende, die Schuhe würden zwar nicht die Nässe aber den üblen Geruch tilgen und eventuell röchen dank der Gentechnik die ungeliebten Haare unter der Achsel nicht nach Schweiß sondern Vanille oder Lavendel.


»All-complete«-Erlebnisräume

Die Raumbeduftung nutzt die Defizite des Geruchsinnes: Duft wird von Luft getragen, eine Ortung der Quelle ist bei weiträumiger Verbreitung schwer möglich. Warum nicht Erlebnisräume im eigenen Heim schaffen und den Urlaub nach Hause holen: Dschungelgeruch, Alpenfrische oder Kräuterküche? Minimale Geruchmengen würden das Zuhause für den Bewohner entspannend und wohlbehaglich stimmen, bei grösserer Duft-Menge würde dieser die Beduftung bewusst als Erlebniswelt wahrnehmen können. Klimaanlagen könnten in großen Räumen Menschenmassen mit Geruche beruhigen, Konzerte würden von Duft-Symphonien begleitet werden und Szenen eines Kinofilms wären olfaktorisch untermalt. Zu den Bildern der Werbetrailers wie Marlboro's Cowboy Country würden Pferde-, Steppen- und Zigarettenrauchwolken den Zuschauer umnebeln.


Geographische Umzäunung mit Duft

Zu hoffen bleibt, dass sich der Mensch zunehmend mit seinem Riechorgan beschäftigen wird, den erwähnten »Duftklassen« von Prof.Hatt gebührt daher viel Lob. Doch solange der Konsument als Opfer unentwegt und unbemerkt beduftet wird, bleibt Geruch ein Werbeträger, der den Empfänger unerkannt erreicht und ihm wie ein Souffleur Botschaften in die Nase flüstert. Der Geruch ist der Schlüsselreiz, der die vorhandene Disposition des Verbrauchers stärken soll: Aus dem einfachen Appetit wird Hunger, aus dem Hunger folgen Handlungen. Der Konsument ändert sein Verhalten: Er hält sich länger als nötig in Räumen auf, kauft mehr Produkte ein als geplant und findet Subjekte symphatischer als von der Natur genetisch gewollt.
Mit Tierexperimenten wird belegt, dass der Werbeträger Duft seine Botschaft auch zu vermitteln vermag: Duftballen, welche an Bäumen in Strassennähe befestigt werden, sondern einen für Rehe üblen Geruch ab und verleiten die Tiere zur Umkehr. Seit der Installation der »Duftzäune« nahm die Anzahl totgefahrer Rehe an diesen Stellen rapide ab. Ein geographisches Gebiet, die Straße, wird so mit Beduftung vom Reh abgeschirmt. Diese Methode liesse sich ohne weiteres für militärische Zwecke übertragen: Die klassische »Stinkbombe« könnte auf planbare Zeit Lebensraum für den Menschen unbewohnbar machen.


Duft als Waffe? Duft als Therapie?

Dem Geruch ist kaum zu entkommen. Ganze Länder, Inseln, Kontinente liessen sich mit für Menschen unerträglichem Gestank besiedlungsunfähig machen. Geruch könnte auch als Warnung oder als Zugangscode Einsatz finden: Steinbrüche, Kernkraftwerke, Naturschutzlandschaften oder von Lawinen gefährdete Gebiete würden dank des »Duftzaunes« vom Menschen gemieden werden.
Geruchlose, gefährliche Gegenstände könnten mit einem Warnduft versehen werden; Stinkende und unangenehme Räume und Objekte würden sich in attraktiv duftende Orte wandeln, so z.B. Krankenhäuser, OP-Säle, Arztpraxen; Saunen, Schwimmbäder, Sporthallen, Fitnesscenter würden ihre Raumwirkung durch Geruch optimieren, Duft könnte zudem als Therapiemöglichkeit entdeckt werden.


Virtuelle Düfte

In der Nahrungsmittelindustrie erweitern die im Labor erschaffenen Duftkompositionen in Kombination mit der Nahrungsumgebung (Point of Sale, Verpackung) die Schlüsselreize


Verpackungen, die nach ihren Inhalten riechen?

Warum sollten in Zukunft Düfte von der Nase erkannt werden? Könnten es nicht elektronische Signale sein, die im Gehirn eine Geruchwahrnehmung vortäuschen?


Biosensoren als Rauchmelder und Spürhund

Biosensoren wären in der Lage, geringste Mengen an Duftstoffen zu erkennen und durch Lautsignale darauf aufmerksam zu machen. Sie könnten zum Beispiel die Funktion höchstsensibler Rauchmelder übernehmen, die bereits dann Feuerquellen orten würden, wenn noch keine bedrohliche Rauchentwicklung vorliegen würde. Die Überwachung der Gesellschaft, bereits jetzt mit Satellitennetzen, Wärmesensoren und Unmengen an Kameras nahe an der Idee des »BigBrother«, fände in Biosensoren eine unauffällige Ergänzung: Neben Kameras, die den Menschen anhand seiner Iris identifizieren und Touchscreens, die den Daumenabdruck zur Erkennung verwenden, würden Biosensoren eine Person anhand seiner einmaligen Eigengeruchmerkmale ausfindig machen, und zwar aus der Ferne. In Verbrecherkarteien wären Duftmerkmale registriert, die an international vernetzte Geruchmelder im Falle einer Fahndung weitergegeben werden würden. Biosensoren, sonst für vielerlei, gute Zwecke geeignet, würden hier als moderne Bluthunde Einsatz finden.


Fazit

Physiologisch wie auch psychologisch nehmen Gerüche Einfluß auf Gefühle, auf die Urteilskraft, auf Handlungen und Verhaltensweisen des Menschen. Der Großteil dieser Einflussnahme durch Duft geschieht im Unterbewusstsein. Selten können Handlungen und Überlegungen bewußt kontrolliert und mit Verstand korrigiert werden, und wenn, dann nur, wenn sich der Mensch der Beeinflußung durch die Beduftung bewußt ist.

 


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