Bild - Cover

 

Bild - Logo
STUDIE / BLOG


Der Geruchsinn, das verkannte Genie


Sinne sind Schnittstellen

Noch vor der Geburt lernt ein Baby mit Hilfe der Nabelschnur den Geruch der Mutter kennen. Glaubt man den Berichten der Zeitungen, so vermögen selbst Spermien die Eizelle zu »erriechen«. Der Riechsinn dient nicht nur zum blossen Schmecken von Speisen oder Riechen von Düften. Seine Bedeutung für den Menschen übersteigt diese Aufgaben um ein Vielfaches. Der Geruchsinn, wie alle übrigen Sinne auch, verbindet Mensch und Tier mit der Außenwelt. Dank der fünf Sinne kann der Mensch sich orientieren, die Umwelt wahrnehmen und begreifen. Die Sinne kommunizieren als elementare Schnittstelle zwischen der physischen und psychischen Welt.


Kultivierung der Sinne

Die Sinne passten sich meisterhaft und evolutionsbedingt den Veränderungen der Umwelt an. Während dieser Entwicklung gelang es dem Mensch nicht, sich von seinen Reflexen und Trieben zu lösen; diese führen ihm noch heute immerzu vor Augen, dass er kein Souverän der Natur ist. Manch Sinnessignal weckt instinktive Handlungen und Reflexe beim Menschen und demonstriert das unabschüttelbare Erbe der Evolution. Mit dem Alter versagen die Sinne ihren Dienst, ein Fingerzeig auf die endliche Zukunft und die physische Vergänglichkeit des Menschen.
Wo bleibt da die Kontrolle, wo die Willensfreiheit? Der Mensch, der lieber ein Un-Tier sein möchte und doch seiner Natur unterlegen ist, suchte mit fortschreitender Zivilisierung der Gesellschaft nach Möglichkeiten der Selbstbestimmung und begann, die Sinne zu analysieren, zu verurteilen und zu kultivieren, indem er sich selbst mit Benimmregeln zu bändigen suchte. Körperöffnungen wurden zu Tabuzonen, Körperflüssigkeiten und Gerüche in die Privatsphäre verdammt. Der Riechsinn verlor seinen Stellenwert im Zuge der Zivilisierung, denn er liess sich nicht kontrollieren.


Geruch ist Information

Der Geruchsinn ist der »Stiefsinn«. Ein »Ranking der Sinne« platziert ihn gemeinsam mit dem Geschmacksinn auf Rang 4 und 5, den Tastsinn dagegen auf Platz 3, den Hörsinn auf Nummer 2 und den Sehsinn an erster Stelle. Der Geruchsinn scheint verzichtbar. Schon deshalb, weil er emotionale, unkontrollierbare, geradezu »tierische« Empfindungen weckt. Doch nicht jeder schätzt den Geruchsinn derart. Wissenschaftler werten seinen Einfluß auf Entscheidungen, Reaktionen bzw. Handlungen des Menschen als vehement. Der Mensch trifft so manche Entscheidung im Unterbewusstsein, gesteuert durch Sinne und Instinkte. Gerüche vermitteln Informationen über Subjekte und Objekte, Räume, Orte, Ereignisse und unterstützen den Prozess der Entscheidungsfindung. Der Geruchsinn wird als Fernsinn bezeichnet, denn Gerüche sind Informationsträger auf Distanz. Selbst aus der Ferne lässt sich am säuerlichen Geruch der Milch feststellen, dass sie nicht mehr geniessbar ist, gleichwohl sie optisch und haptisch akzeptabel scheint. Fernsinne sind überlebenswichtig, sie bezwecken das schnelle Erkennen einer Situation und das rasche Handeln. Die Reaktion auf eine Warnung des Geruchsinnes ist eher reflexartig als wohlüberdacht. Doch wenn die so unter-schätzte Nase mitentscheidet und gar aus der Ferne Handlungen initiieren kann, lässt sich diese Einflussnahme auch zu Manipulationszwecken verwenden? Lassen sich die Empfindung, Meinung, Entscheidung und Handlung eines Verbrauchers durch gewisse Duftstoffe steuern?


Entscheidungen aus dem Bauch

Der Geruchsinn ignoriert gewöhnlich die Vernunft und den Verstand, der Mensch »geht seiner Nase nach«. Entscheidungsfreiheit besteht nur, solange der Mensch sich der Beeinflussung bewußt ist. Wird ein Geruch unterhalb der Erkenntnisschwelle wahrgenommen, manipuliert diese Sinneswahrnehmung unbemerkt eine folgende Entscheidung. Die Entscheidung trifft der Verbraucher mit Verstand und gutem Gewissen, aber gelenkt durch die Eindrücke der Sinne. Der Mensch ist sich der Beeinflussung nicht bewusst, er kann sich ihr nicht entziehen und seine Wahl neu überdenken. Insofern ist der Mensch durch seine Sinneseindrücke »unfrei«.


Der Mensch ist ein Gewohnheitstier

Das Wahrnehmungsvermögen des Menschen ist begrenzt, deshalb selektieren die Sinne aufgenommene Informationen nach ihrer lebensnotwendigen Bedeutung. Bewegung, Veränderung und Ungewohntes sind drei Auswahlkriterien. Ein bunter Tupfer auf unbuntem Untergrund, eine Dissonanz im harmonischen Klangwerk und eine süss schmeckende Essiggurke werden von den Sinnen interessiert beäugelt, denn diese Signale brechen mit dem Gelernten, Erwarteten oder fallen aus dem Ordnungssystem des Verstandes. Einmal wahrgenommen, registriert das Gedächtnis die neuen Eindrücke. Beim zweiten Mal ist die Süsse der Gurke Gewohnheit. Den Geschmacksinn würde nun allenfalls überraschen, handele es sich jetzt nicht um eine Süsse, sondern um eine Schärfe. Doch selbst dann, wäre das Unerwartete bereits ein bisschen erwartet, ein wenig »adaptiert«. Der Sehsinn verarbeitet im Vergleich zu den anderen besonders viele Informationen. Eine Bewegung im sichtbaren Umfeld erregt das Interesse. Was stillsteht, bleibt als gefahrloses Objekt unbeachtet.
Viele Tiere überleben dank der Defizite der Sinne, denn sie nutzen sie durch geschickte Tarnung: Das Chamäleon passt sich farblich der Umgebung an, das Krokodil lauert regungslos im Fluss auf seine Beute und die Schlange schlingelt sich geräuschlos an ihre Opfer heran.
Sinneseindrücke des Körpers blendet auf Dauer das Bewusstsein aus. Der Finger, der minutenlang auf der Haut ruht, der Klang der eigenen Schritte und der Eigengeruch werden dem Menschen erst bewusst, wenn diese sich (erneut) verändern, respektive vom Gelernten abrücken. Die Modifikation des Bekannten erregt die Aufmerksamkeit der Sinne. Was dem Menschen täglich, minütlich, sekündlich unter die Nase kommt, kann ein noch so gigantisches Spektrum an Düften sein, ins Auge springt ihm im Normalfall das Ungewohnte, das Neue. Abhängig ist die Eigenschaft des »Ungewohnten« bei Gerüchen nicht nur von der Art des Duftes, seiner Intensität oder von der Kombination mit anderen, sondern auch vom Moment und Ort des Auftretens sowie von der Disposition der Person zum Duft. Als Beispiel hierfür eignet sich der morgendliche Kaffeeduft in Bäckereien. Die richtige Tageszeit ist der Morgen und ein angenehmer Ort die Bäckerei, in der es zudem nach frischen Brötchen duftet. Hat der Mensch nun Appetit auf ein heisses Getränk und mag zudem den Geschmack und Geruch von Kaffee, wird er geneigt sein, einen solchen zu bestellen. Andernfalls kann Kaffeegeruch abends, in der U-Bahn und nach dem Verzehr vielzähliger Tassen Kaffee, sich durchaus lästig aufdrängen.

 


Haben Sie Anregungen, Hinweise, Neuigkeiten zu diesem Thema? Besuchen Sie den Blog oder schreiben Sie an: info@olfaktorik.de


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© 1999 Olfaktorik.de