1. Über diese Studie 
2. Das verkannte Genie
3. Physiologie
4. Geschichte
5. Duft und Identität
6. Perspektiven des Duftdesigns
7. Raumbeduftung: Konsumrausch im parfümierten Paradies?
8. Geruchswelt Mensch
9. Beduftete Objekte

10. Interviews
11. Fazit
12. Quellen

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Impressum
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Die Rolle des Duftes in der Geschichte
Der Ursprung des Parfüms
Der Einsatz von Duftstoffen geht einher mit Mythologie, Religion, Anthropologie, der Geschichte der Zivilisation und der Entwicklung der Medizin. Über Jahrhunderte hinweg lässt sich ein Wechselspiel der Sympathie und Antipathie gegenüber Düften verfolgen, stets auch in Abhängigkeit zu dem Hygieneverständnis der Gesellschaft. Ethymologische Wörterbücher bringen das Wort Parfüm mit dem lateinischen »per-fumus« in Verbindung, wobei per für »durch« und fumus für »Rauch« steht. Der Ursprung des Wortes Parfüm lässt sich demnach auf die Verbrennung aromatischer Substanzen wie z.B. Gummiharze oder Hölzer über dem Feuer zurückführen, durch die wohlige Gerüche freigesetzt wurden.
Mesopotamien, Ägypten, Arabien, Persien
Die Wurzeln der Duftkultur fussen etwa 5000 vor Chr. in Mesopotamien und Ägypten, wo mit aromatischen Ölen, Salben und Räucherharzen die Götter geehrt und die Toten gesalbt wurden. Die Oberschicht versprühte Düfte als Körperpflege, zur medizinischen Therapie oder aus purem Luxus. Mit den Phöniziern erblühte die Parfümkunst auch in Asien, Afrika und dem Mittelmeerraum. »Chypre«, ein parfümistischer Ausdruck, zeugt von der Existenz einer Duftkultur in Zypern. Perser, Griechen, Römer, ihnen allen wird ein zügelloser Umgang mit Riechstoffen nachgesagt. Die Araber und Perser erfanden dank der Parfümkunst den Destillierkolben, den Alkohol und den Weingeist, der durch Destillation gewonnen wird.
»Die Araber haben das Parfüm im Blut, sie mußten
nicht lernen, damit umzugehen, sie kennen es.
In ihnen hat das Parfüm seinen Ursprung.«
Serge Lutens, Créateur
(in einem Interview mit dem Fernsehsender ARTE, Febr. 99).
Venedig und Grasse (Europa)
Neue Handelsmärkte im Orient wurden erschlossen, Aromastoffe und Weihrauch nach Europa importiert und dort zum größten Teil für medizinische und sakrale Zwecke verwendet. Apotheker übten sich im 13. Jahrhundert in der Produktion von Arzneiölen. Zu Handelszentren für Riechstoffe entwickelten sich vor allem Venedig (Italien) und Grasse (Frankreich). Grasse erlangte durch seine parfümierten Handschuhe internationale Anerkennung. Das Ausgangsmaterial, Ziegenleder, hatte einen unangenehmen, eigentümlichen Geruch, den man mit Parfümen zu überdecken suchte.
Exkremente und Pfortengerüche
Unvorstellbar muss der Gestank in der Zeit um Ludwig XV in Häusern, Strassen und an Menschen gewesen sein. Kaum ein Haus verfügte über eine toilettenartige Einrichtung, körperliche Reinlichkeit war verpönt und dem Hausmüll entledigte man sich mit einem Wurf aus dem Fenster. Selbst während grösserer Feste hinterliessen die Gäste ihren »Unflat« unmittelbar in den Ecken des Raumes. Kanalisationssysteme entsorgten das Gröbste, doch die Exkremente der einfachen Plumpsklos wurden nicht mit Wasser in die Kanalisation gespült, sie landeten im allgemeinen direkt auf der Strasse. Die Gesellschaft lebte weitaus körperbezogener als heute, kein Wunder also, dass so mancher Autor Luther den oftgehörten Spruch »Warum rülpset und furzet ihr nicht, hat es euch nicht geschmakket?« andichtet. Der gemeine Furz in Ton und Duft war Beweis guten Essens und weniger schlechter Tischmanieren. Pfortengerüche belustigten das Volk als Schauspiel auf den Jahrmärkten, die »Kunstfurzer« verdienten sich ihr Brot, in dem sie Melodien erfurzten oder ihre »Abgase« anzündeten (siehe auch »Anrüchig« von René Faber).
Parfüm als Schutz vor Krankheiten
Der hygienischen Reinigung zog die Gesellschaft das Parfüm vor. Sonderte sich durch mangelnde Pflege unangenehmer Körpergeruch ab, wurde dieser grosszügig mit blumigen Odeur übertüncht. Übler Körpergeruch galt nicht als Signal sondern als Ursache für Krankheiten und Parfüm als Prävention. Es roch angenehm, was gesund war und es stank, was verging. Gestank symbolisierte das Vergängliche und den nahen Tod. Gefürchteten Infektionskrankheiten wie Pest, Pocken, Cholera und Typhus wollten Ärzte mit den ihnen bekannten Duftstoffen beikommen. Stark riechende Substanzen wie Myrrhe, Kampfer, Schlangenkraut, Kamilleblüten und Chinarinde erachteten die Doktoren als wirksames Mittel zur Bekämpfung von Fäulnis und Infektion. In Zeiten gefährlicher Epidemien empfahlen sie den mittellosen Bauern zum Schutz neben Riechkapseln und -pfannen das Riechkissen, welches, gefüllt mit einem Gemisch aus Raute, Melisse, Majoran, Minze, Orangenblüten und Lavendel, der Ansteckung vorbeugen sollte.
Duft als Statussymbol
Mit der Aufklärung wandelte sich das Bild des Parfüms. Duft erfrischte im Alltag, sorgte für Wohlgefühl und betonte die Zugehörigkeit zu einer von der Gesellschaft akzeptierten Bevölkerungsgruppe. Parfüm war nunmehr ein »emotionales Lebenselixier«, ein Statussymbol und Zeichen für die Kultiviertheit seines Trägers.
1792 entstand das Grundrezept des berühmten Parfüms »4711«, benannt nach der Hausnummer des Hauses Mühlhens in der Glockengasse in Köln. Es war die Geburtstunde des »Eau de Cologne« oder »Kölnisch Wasser«, dem Klassiker aller Parfüme. Das »Kölnisch Wasser«, dem man eine heilende Wirkung nachsagte, basierte unter anderem auf Orangenblüten, Lavendel, Rosenessenz und Sandelnoten - frische Essenzen mit akzentuierter Kopfnote, die die bisher schweren, kräftigen Düfte ablösten. Mit »Kölnisch Wasser« rieb man sich man nicht nur von Kopf bis Fuss ein, man trank es sogar. Unter Ludwig XI und Marie Antoinette flourierten die »zarten« Gerüche, später zur Zeit Napoleons und Josephines schätzte man dagegen wieder die kräftigeren, höher dosierten Parfüme.
Vom Luxus- zum Massenprodukt: Aromen machten das Parfüm erschwinglich
Mit der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Parfüme für eine breite Kaufschicht erschwinglich. Denn Massenproduktion und die vollsynthetische Herstellung von Aromen machten die Parfümindustrie unabhängig von den zur Produktion vorher notwendigen natürlichen Rohstoffen. Dennoch blieb das Parfüm bis Mitte des 20. Jahrhunderts ein Luxusartikel. Vanillin, die Vanillenote aus der Retorte, belebte das Interesse für Aromen erneut. Ab 1910 fanden zunehmend Couturiers Geschmack an dem Design von Parfümen, deren Herstellung vorher allein den Parfümeuren vorbehalten war.
Von den Folgen des Zweiten Weltkrieges erholte sich die Duftbranche nur langsam. Frankreichs Parfümindustrie kooperierte nun mit Couturiers, die mit ihren exquisiten Duftnoten zunehmend Erfolge verzeichnen konnten. In Deutschland favorisierte der Verbraucher deutsche Hersteller preiswerter Eaux. In den 60er Jahren war der Parfümmarkt derart gedeckt, dass es notwendig erschien, die Identität eines Parfüms durch Marketingkonzepte zu stärken, um es von der Konkurrenz abzugrenzen. Die Vermarktung eines Duftes wurde zur Wissenschaft und Aufgabe der Designer.
Differenzierung durch »Branding«
Das Angebot an Parfümen verfielfachte sich in den 70er Jahren. Die Duft-Produkte differenzierten sich mehr und mehr über ihr Markenimage, ihre Verpackung und Werbung (Markenbildung, Branding). Die Schnellebigkeit der Mode setzte sich in der Parfümbranche fort, Trends nahmen direkten Einfluß auf die Kopfnote der Düfte. Der Wechsel zwischen leichten und schweren Dufttönen beschleunigte sich sichtlich. Lederwaren, Mode und Juwelierkunst wurde mit Düften zusammengeführt, das »Parfüm von der Stange« verstopfte den Markt und machte den Duft alltäglich. Auch in anderen Industriezwiegen fanden Riechstoffe vermehrten Einsatz, so z.B. im Foodbereich oder in der Autoindustrie.
»Das Parfüm gibt Selbstvertrauen. Es ist wie ein Schmuckstück, das sie sehr weit oben an sich tragen. Sie sehen es nicht, aber sie wissen, daß sie es haben. Und dieser Schmuck bringt Ihnen Glück. Er verleiht Ihnen etwas Zusätzliches, etwas, daß bewirkt, daß Sie sich selbst sind.« Serge Lutens, Créateur (in einem Interview mit ARTE).
Duftkostüme
Heute kann man von einer gewünscht aseptischen Gesellschaft sprechen, die nach ihren hygienischen Werten und Vorstellungen den Körper erst geruchneutralisiert und anschließend parfümiert. Der Mensch möchte sich seiner Transpiration entledigen und in ein geruchloses Subjekt wandeln. Mit der Loslösung von olfaktorischen Merkmalen, wünscht das menschliche Individuum die Spur der eigenen, riechenden Identität abzustreifen und ein schönes Duft-Ich wie einen Mantel um sich zu legen. Der verräterische Eigengeruch, der für ein in der Gesellschaft nicht akzeptiertes »schwaches Ich« steht (Mundgeruch als Zeichen von Krankheit, Scheidengeruch als Signal der Sexualität, Schweiss als Hinweis auf Angst) wird gegen eine positive, gut duftende Geruchfassade getauscht. Parfüm dient als Maske im gesellschaftlichen Rollenspiel, und zwar für Objekte wie auch für Menschen.
Parfüm: Seine Herstellung
1624 schrieb Francis Bacon in »Nova Atlantis« über die Vorstellung einer besseren, zukünftigen Welt: »In unseren Häusern für Wohlgerüche führen wir Untersuchungen auf dem Gebiet des Geschmacks und der Gerüche aus. Wir können dort, was Euch gewiß seltsam erscheint, Gerüche in großer Mannigfaltigkeit und Verstärkung beliebig künstlich erzeugen. Wir ahmen die natürlichen Gerüche nach und können Düfte aller Art auch aus anderen Ausgangsstoffen wie den natürlichen hervorbringen.« Was zur Zeit Bacons noch verträumte Utopie war, scheint heute Realität. Der WDR gibt auf seiner dokumentatorischen Reise »Der Nase nach« (vom 3.2.99) nach Holzminden und Grasse einen Einblick in die phantastische Welt der europäischen Duftindustrie: Extrahieren, Destillieren, Kondensieren, Filtrieren, Konzentrieren nach all diesen Verfahren ergeben sich aus Tonnen eingedampftem Ausgangmaterials wenige Tropfen »Absolue«. Unzählige dieser Absolue dienen als Basis für die Zusammensetzung eines Parfüms.
Ein Duftorchester: Kopfnote - Herznote - Basisnote
Die Parfümherstellung ist ein Orchester vieler Essenzen. Das Zusammenwirken der Bestandteile als eine harmonische Komposition gleicht der Neuschöpfung einer Melodie aus dem Topf des Notenalphabets. Kopfnote - Herznote - Basisnote.
»Le goût est fait de mille dégoûts.« P. Valéry, franz. Poet, 1871-1945.
Für diesen »Hautgoût« stehen dem Parfümeur rund 32.000 Grundsubstanzen zur Verfügung, von denen er in seinem Leben 3000-5000 zu unterscheiden und kennen vermag während er in der Regel nur 600-800 für den täglichen Einsatz verwendet.
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